“Niemand sagt uns etwas” Das Ende von Idomeni

Published on n-tv in German on 24 May 2016. Click here to view full report and here for the English version


Als am Morgen Einsatzwagen der Polizei vorm Zeltdorf ankommen, wissen die Menschen, was sie lange schon geahnt haben. Sie müssen gehen. Es ist ein leidvoller Abschied. Denn der Kampf ist verloren – und die Ungewissheit groß.

Nach der Schließung der Balkanroute Anfang März entwickelte sich Idomeni innerhalb weniger Wochen von einem Durchgangslager zum größten Flüchtlingscamp innerhalb Europas. Obwohl Tausende Menschen nahe des Grenzübergangs zu Mazedonien leben, war das wilde Lager nie eine dauerhafte Aufnahmestelle – und als solche von der griechischen Regierung auch nie geplant. Jeder wusste, dass das Ende kommen würde. Was niemand wusste, war, wann. Es waren Gerüchte, die sich in den vergangenen Wochen verdichtet hatten.

Eines dieser Gerüchte macht Sonntagnachmittag die Runde: Es hieß, die Regierung bereite die Zwangsevakuierung des Camps vor. Einsatzkräfte aus dem ganzen Land würden an die griechisch-mazedonische Grenze geschickt, um die Räumung zu überwachen – darunter auch Bereitschaftspolizisten aus Athen. Zwar hat jeder gehört, dass Busse kommen sollen, aber niemand hat eine offizielle Bestätigung.

Am Montag ist plötzlich etwas anders. Obwohl die Menschen wie üblich ihren Alltag im Camp organisieren, herrscht eine sonderbare Atmosphäre. Die Polizeikontrollen sind gewissermaßen über Nacht strenger geworden. Journalisten werden öfter kontrolliert – und einigen Aktivisten verwehrt man den Zutritt zum Camp gleich ganz. Diejenigen Helfer, die mehr Hilfsgüter an die Menschen verteilen, stehen nun stärker im Fokus. Wirklich neu ist das nicht. In den vergangenen Wochen haben Freiwillige und auch Flüchtlinge der Polizei immer wieder vorgeworfen, Druck auszuüben, indem sie die Lebensmittel für die Menschen rationieren.

Die Angst vor der Internierung

Das ergibt durchaus Sinn. Viele Flüchtlinge wollen unbedingt im illegalen Camp an der Grenze bleiben, weil sie annehmen, dass es dort immer noch besser ist als in den offiziellen Auffanglagern, denen der Ruf von militärisch organisierten Internierungscamps vorauseilt. In Idomeni gibt es besseres Essen – und weniger Vorschriften. “Ich bin aus einem Lager in Alexandria (Gemeinde in Zentralmakedonien, Anm. d. Red.) zurückgekommen, weil die Bedingungen dort noch schlechter waren als hier”, erzählt eine Syrerin n-tv.de.

“Wenn wir offzielle Informationen hätten, wenn ein Minister herkommen und uns erklären würde, welche Möglichkeiten wir haben, dann sage ich Ihnen, niemand würde hier bleiben”, versichert Adnan, der seit einigen Monaten in Idomeni lebt. “Ich will hier nicht weg, aber wenn die Polizei mich auffordert, werde ich gehen. Ohne Widerstand zu leisten. Ich will keinen Ärger.” Das Fehlen von verlässlichen Informationen war immer eines der größten Probleme in Idomeni. Niemand weiß, was als nächstes passiert – und niemand weiß, wie lange er noch in Griechenland warten muss. “Ich mag Griechenland, aber ich kann so nicht leben”, sagt die geflüchtete Noor aufgebracht. “Das ist weder ein richtiges Leben für mich noch für meine Familie. Der einzige Grund, warum ich noch lebe, ist meine kleine Schwester. Sie bedeutet mir alles.”

Die Medien sind nicht erwünscht

Montagabend wird niemand mehr ins Camp gelassen. Die Polizei blockiert alle Eingänge. Niemand kommt mehr hinein – weder Journalisten noch freiwillige Helfer. Es ist der Moment, als auch die Flüchtlinge begreifen, was passieren wird. Viele entscheiden sich, das Camp freiwillig zu verlassen. Einige versuchen, mit der Hilfe von Schmugglern doch noch über die Grenze zu kommen. Als die Sonne untergeht, fordern die Polizisten alle verbliebenen Medienvertreter auf, innerhalb von 30 Minuten das Camp zu verlassen. Sie sind in Zivil unterwegs – getarnt als Flüchtlinge, um “ausgerissene” Journalisten und Helfer aufzuspüren. Wen sie aufgreifen, bringen sie mit einer Eskorte aus dem Camp. Wer zurückkehrt und entdeckt wird, wird festgenommen. Trotzdem schaffen es ein paar wenige, sich über Nacht in Zelten oder Gebäuden zu verstecken.

Am nächsten Morgen dann stellen sich die Gerüchte als wahr heraus. Mehrere Busse – begleitet von Spezialkräften der Polizei – kommen vor dem Camp an. Bereitschafts- und Zivilbeamte sind überall. Es gibt kein Hineinkommen mehr. Der erste Bereich von Idomeni, das sogenannte Camp C, wird evakuiert. Verschiedene Medien berichten, es seien nahezu 1400 Beamte im Einsatz. Zwei Helikopter kreisen über dem Lager. Der Plan besagt, Idomeni auf ruhige und friedliche Weise zu räumen.

“Griechische Polizei ist sehr gut”

Und tatsächlich bleibt es ruhig. Diejenigen, die schon vor Monaten im Camp gestrandet sind, wollen nicht mehr kämpfen. Und die griechischen Polizisten präsentieren sich als “gute Jungs”, deren Urteil man vertrauen kann. “Griechische Polizei ist sehr gut”, lobt ein syrischer Junge, als er die Helikopter über das Zeltdorf fliegen sieht. Am Abend sind es 1500 Menschen, die aus Idomeni herausgebracht und in andere Lager “umgesiedelt” werden.

Der Rest des Lagers soll innerhalb einer Woche weichen. “Ich weiß nicht, was ich machen soll”, sagt Adnan. “Sie haben mit den Zelten und den Gleisen angefangen, aber sie haben uns immer noch nichts gesagt. Ich werde warten, bis mich die Behörden zum Gehen auffordern – erst dann werde ich gehen.”

In der Flüchtlingskrise ist noch kein Ende absehbar. Doch in Idomeni ist der Scheitelpunkt erreicht. Die Frage ist nun, ob das Umverteilungsprogramm der Europäischen Union dieses Mal funktioniert – denn bisher war es für die Tausenden Menschen, die nach wie vor irgendwo zwischen Griechenland und ihren Träumen gefangen sind, nicht mehr als ein Versprechen.

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